Heute Vormittag ging es nach Hiroshima. Wir haben dabei direkt den Nachteil gemerkt, wenn man keine Platzreservierung hat: man steht dann eben auch im Shinkansen. Gestern Abend hatten wir das Reservieren für heute zuerst vergessen gehabt und später am Abend keine Lust mehr gehabt. Auch wenn wir früh am Bahnhof waren, gab es in den Wagen mit "Reserved Seats" keine Plätze mehr. Während wir auf der kurzen ersten Teilstrecke im Wagen mit "Unreserved Seats" noch Sitzplätze gefunden haben, war der zweite Zug völlig überfüllt, sodass wir beim Einsteigen zunächst einem Mitarbeiter am Zug entlang hinterherrennen mussten, um überhaupt eine Türe zu finden, an der wir stehen konnten.
In Hiroshima angekommen sind wir zuerst auf die kleine Insel inmitten der Stadt, auf der das wiederaufgebaute Schloss steht. Nachdem wir das Schloss von außen angeschaut haben, haben wir auf der Insel auch den Hiroshima Gokoku Schrein besucht.

Von dort sind wir dann am Fluss entlang Richtung Friedenspark gewandert. Am nördlichen Ende des Friedensparks stößt man als allererstes auf das Friedensdenkmal - besser bekannt unter dem Namen Atombombenkuppel, bzw. englisch A-Bomb Dome. Die Kuppel ist der Rest der ehemaligen „Halle zur Förderung der Industrie der Präfektur Hiroshima“ - und ist heute ein Weltkulturerbe und soll an die furchtbare Zerstörungskraft von Atombomben erinnern und gleichzeitig ein Mahnmal für den Weltfrieden und die Abschaffung aller Atomwaffen sein.

Vor knapp 25 Monaten stand ich im Smithsonian National Air & Space Museum vor der Enola Gay, dem B29-Bomber, der am 6. August 1945 die Atombombe "Little Boy" auf Hiroshima abgeworfen hat und ein amerikanischer Veteran, der die Führung machte, erklärte die Logik hinter dem Einsatz der Atombombe und weshalb der Einsatz bei den meisten Amerikanern nicht als Ruhmesblatt, aber dennoch als notwendig und richtig betrachtet wird.

Heute erklärte eine ältere Dame, deren Großmutter und Mutter den Folgen der Bombe zum Opfer fielen, welche Auswirkungen die Bombe auf die Stadt und die Bevölkerung hatte und weshalb diese Bomben endlich abgeschafft und geächtet gehören. Und das schlimme daran ist: solange es diese Waffen gibt, solange ist die militärische Logik hinter der Entscheidung zum Einsatz nachvollziehbar und vielleicht unter den Umständen aus amerikanischer Sicht sogar zwingend. Eben deshalb ist es so dringend notwendig, dass diese wohl inhumansten aller Waffen abgeschafft werden - denn egal wie zwingend der Einsatz für eine Partei sein mag, er darf nie wieder vorkommen. Und das funktioniert definitiv nur, wenn diese Waffen nicht mehr existieren.

Von der Kuppel aus haben wir den Friedenspark erkundet - die Friedensglocke, das Hügeldenkmal, das Monument für die koreanischen Opfer, den Brunnen der Gebete und natürlich den Kenotaph für die Opfer und die Friedensflamme.

Besonders bedrückend - wie auch schön - ist das Friedensdenkmal der Kinder. Dort sind ganz viele gefaltete Papierkraniche ausgestellt, die von Menschen aus aller Welt zugesandt werden. Hintergrund ist die Geschichte von Sadako Sasaki, einem kleinen Mädchen, das beim Atombombenabwurf zweieinhalb Jahre alt war. Mit zwölf Jahren wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Nach einer alten japanischen Legende erfüllen die Götter demjenigen einen Wunsch, der 1000 Origami-Kraniche faltet. Innerhalb eines Monats hatte sie diese 1000 Kraniche gefaltet und bis zu ihrem Tod noch viele hundert mehr. Sie und ihre Geschichte wurden zu einem Symbol für die furchtbaren Auswirkungen von Atomwaffen und so wurde aus dem Papierkranich ein Symbol für den Weltfrieden und gegen Atomwaffen. Einige dieser Papierkraniche sind das Titelbild dieses Textes.
Nachdem wir den Park erkundet haben, sind wir in das Friedensmuseum gegangen - eine Ausstellung über die Bombe und ihre Auswirkungen, aber vor allem mit beeindruckenden und bedrückenden Berichten von Überlebenden und einer Ausstellung mit Gegenständen, die die Bombe "überstanden" hatten, verbunden mit der Geschichte ihrer Besitzer, wie z.B. dieses Dreirad.

Danach haben wir beschlossen, spontan schon heute nach Miyajima rauszufahren, um das Schreintor im Wasser im Sonnenuntergang sehen und fotografieren zu können. Leider hat uns da ein wenig der Berufsverkehr einen Strich durch die Rechnung gemacht, der Bus hatte sehr viel Verspätung, sodass wir nur noch den letzten Rest Sonnenuntergang gesehen haben. Dennoch war der kleine Ausflug sehr schön, denn auch im Dunkeln ist das Tor schön beleuchtet und wir sind außerdem unseren ersten Rehen begegnet.

Update (12.08.2018): Ich habe das Friedensdenkmal der Kinder zu einem eigenen Abschnitt erweitert und die Geschichte von Sadako Sasaki hinzugefügt und den Hinweis zu den Papierkranichen im Titelbild ergänzt.