Das Boarding war dann nicht ganz pünktlich um 14 Uhr, sondern eher eine halbe Stunde später - aber dennoch zuckelten wir pünktlich los. Bevor es soweit war, mussten wir aber erstmal ein ganzes Stück am Zug entlang laufen, um zu unserem Wagen zu kommen - knapp 300m weit. Und was man da aber dazu sagen muss: wir waren in der Mitte des Zuges, davor kamen nochmal so viele Wagen und zwei mächtige Dieselloks vorne dran. Insgesamt sind das über 600m Zug.
Im Zug haben wir unseren Platz in Beschlag genommen - also streng genommen haben wir unser Handgepäck dort geparkt und sind mit dem Foto bewaffnet durch den Speisewagen zum nächsten Wagen mit Panoramakuppel marschiert. Dort haben wir es uns in der letzten Reihe gemütlich gemacht.
Nachdem wir losgefahren sind, sind wir auch gleich wieder stehen geblieben, anscheinend wollten da viele Züge gleichzeitig aus dem Bahnhof raus, so haben wir für die ersten paar Kilometer über eine halbe Stunde gebraucht.
Langsam bewegten wir uns aus der Stadt und dem Umland raus in Richtung Natur. Die Zeit verging wie im Fluge mit Tee bzw. Kaffee trinken, Kekse essen und Bilder machen. Insbesondere das andauernde Spiegeln in den Zugfenstern war immer wieder eine Herausforderung.
Wir hatten die Wahl, ob wir gegen halb sechs oder halb acht Abendessen wollen. Da der Sonnenuntergang etwa um halb sieben sein sollte, wollten wir da natürlich in der Panoramakuppel sitzen und nicht beim Essen. Vom Sonnenuntergang hatten wir dann aber gar nicht so viel, da uns da schon Berge einen Strich durch die Rechnung gemacht haben und die Sonne so schon vor Sonnenuntergang aus unserem Blickfeld verschwand.
Beim Abendessen erwartete uns ein 3-Gänge-Menü. Zunächst standen Suppe oder Salat zur Auswahl. Als Hauptgang hatte man die Wahl zwischen insgesamt vier Gerichten, entweder vegetarisch oder je ein Gericht mit Rindfleisch, Schweinefleisch oder Geflügel. Dazu gab es Reis oder Kartoffelbrei und Gemüse. Als Nachtisch hatten wir die Wahl zwischen Erdbeer- oder Schokokuchen. Für mich gab es Suppe, Geflügel und Schokokuchen.
Nach dem Abendessen sind wir direkt ins Bett gegangen - draußen war es dunkel und das gemütliche Schaukeln machte müde. So lagen wir viertel nach neun im Bett - definitiv früher als an den anderen Tagen! Die Betten sind dabei eine besondere Konstruktion. Während des Abendessens wurden unsere zwei Sitze in ein Doppelstockbett umgewandelt. Das obere Bett wird dabei mit einer faszinierend aussehenden Kettenkonstruktion aus der Decke herabgelassen.
Die Betten sind auch (grade) lang genug, dass auch große Menschen wie ich darin schlafen können - auch wenn der Ablageplatz für Gepäck sehr begrenzt ist. Begleitet vom gemütlichen Schaukeln und den vagen Silhouetten der draußen vorbeihuschenden Berge bin ich ziemlich schnell eingeschlafen.
Direkt nach dem Aufwachen ging es pünktlich um halb sieben zum Frühstück. Dort gab es für mich einen Blaubeermuffin mit Käse-Schinken-Omelett und Hash-Browns. Beim Frühstück saß uns Ria gegenüber - eine junge Indonesierin, die sich für heute spontan uns angeschlossen hat. Die übrigen Tage funktioniert es nicht, da wir erst nach Banff fahren und dann die Umgebung von Jasper machen, während sie das andersrum macht.
Nach dem Frühstück sind wir wieder in die letzte Reihe der Panoramakuppel umgezogen und haben das zunehmende Heraufziehen des Tages beobachtet. Wie schon beim Sonnenuntergang, war uns auch morgens kein Sonnenaufgang gegönnt - auch hier waren uns Berge "im Weg". Dafür ergaben sich immer wieder tolle Aussichten, wenn sich ein Berg aus tiefhängenden Wolken herausschälte oder die Täler unter uns noch im Nebel versunken waren und nur Baumspitzen hervorschauten.
Etwas später war auf ersten Bäumen auch schon ein wenig Schnee zu erkennen, während der Zug sich langsam aber sicher Flusstal für Flusstal weiter in den Rocky Mountains hinaufarbeitete. In jedem Tal gab es mehr tolle Natur und Landschaft zu entdecken. Auf einem Feld konnten wir sogar einen ersten Elch beobachten (wenn auch nicht fotografieren)!
Zudem stand noch der offizielle Zeitzonenwechsel an - der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt also nun nur noch acht Stunden und keine neun mehr. Für die Kameras hatten wir den Zeitzonenwechsel allerdings schon über Nacht gemacht, um Überschneidungen bei der Aufnahmezeit zu vermeiden.
Kurz vor der Ankunft in Jasper wurden unsere Betten auch wieder auf "Tagesbetrieb, das heißt zwei gemütliche Sitze umgebaut - wobei das mit dem gemütlich müssen wir noch verifizieren, dazu saßen wir da nicht lange genug. Es war jedoch sehr faszinierend der Zugbegleiterin beim an den Betten rumturnen und umbauen zuzuschauen. Letztlich war von den Betten aber nichts mehr zu sehen - die untere Matratze und Kissen und Decken wurden auf dem oberen Bett verstaut und das dann nach oben in die Decke weggeklappt.
Bei der Ankunft in Jasper waren es bestimmt 10 Grad weniger Außentemperatur als in Vancouver, sodass es eher knapp 5°C waren. Während des 90-minütigen Aufenthalts des Zuges wurde fleißig daran gearbeitet - Gepäck der alten und neuen Gäste aus- bzw. eingeladen, Essensnachschub eingeladen, Müll ausgeladen und die Fenster des Speisewagens und mit einer Hebebühne sogar die Fenster der Panoramakuppeln gereinigt. Mit einem letzten Blick auf den Zug und die dahinterliegenden Berge ging es dann zum Gepäckabholen.
Insgesamt vergingen die 21 Stunden total schnell und ich bin auf die folgenden 72 Stunden schon gespannt - ob das einem irgendwann überdrüssig wird oder ob die Beobachtung der Natur mich weiter derart in Beschlag nimmt. Nur eines ist sicher: da die Kanadier zumindest bezüglich der Klimaanlage in der Panoramakuppel ihren südlichen Nachbarn sehr ähnlich sind, nehme ich das nächste mal einen warmen und kuscheligen Pullover mit nach oben.