Nachdem zwei Gruppen aus unserem Orchester es zum Bundeswettbewerb von Jugend Musiziert geschafft haben, war das für mich ein guter Grund da auch mal hinzufahren. Allerdings findet der Wettbewerb dieses Jahr am Pfingstwochenende in Halle (Saale) statt. Das heißt, Zugtickets waren (näherungsweise) unbezahlbar, da hilft auch eine Bahncard25 nicht. Da wäre es sogar günstiger gewesen, für eine Person ein Auto zu mieten und die insgesamt 800km zu fahren. Da dem aber dann aber doch eine deutlich zu große Absurdität innewohnt, habe ich mir was anderes überlegt.
Mit meinen angesammelten Bahnbonus-Punkten hab ich mir ein Tagesticket Samstag für alle DB-Züge (S-Bahnen, Regionalzüge, IC/EC und ICE) gegönnt. Zusätzlich hat man in den Städten, in denen es das CityTicket gibt, auch die U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse zur Verfügung. Das Ticket gilt von Mitternacht bis um 10 Uhr am Folgetag. Das Ganze war sehr kurzfristig, aber zum Glück war die Bahn schnell und als ich am Freitag aus dem Büro kam, war das Tagesticket im Briefkasten.
Da kam ich dann auf die Idee, dass ich das ja eigentlich ausnützen muss und habe mir folgenden Plan zurechtgelegt:
- Mit dem IC 2020 von Frankfurt nach Hamburg
Da der IC schon um 23:22 in Frankfurt startet, zunächst mit einem regulären Ticket nach Mainz. Da der IC dort um 00:01 losfährt, gilt das Tagesticket dann ab Mainz. Der Plan war also ein gemütliches Nachtlager in einem (hoffentlich) einigermaßen leeren Nacht-Gondel-IC. - Ankunft in Hamburg um 06:51
In Hamburg gibt es dann ein gemütliches Frühstück am Hafen, ich organisier mir frische Fischbrötchen und lauf Richtung Altona. - Mit dem ICE 787 und dem IC 2037 von Hamburg über Hannover nach Halle
Um 09:46 von Hamburg Altona in Richtung Halle, Ankunft dort um 13:55 - Bundeswettbewerb in Halle
In Halle steht dann natürlich der Bundeswettbewerb auf dem Programm, vor allem unsere beide Gruppen und eventuell die ein oder andere davor oder dazwischen. - Mit dem ICE nach Berlin
Mit einer der Abendverbindungen nah Berlin, dort - je nachdem, wie viel Zeit ich hab - ein wenig Zeit am Reichtagsufer verbringen. - Mit dem ICE 948 über Nacht nach Köln
Mit einer weiteren Nachtverbindung (wieder ~7 Stunden im Zug) geht es dann weiter nach Köln. Dort kann man dann zumindest kurz dem Dom hallo sagen und die Knochen wieder ein wenig bewegen. - Mit dem ICE zurück nach Frankfurt
Von Köln sollte es dann mit einem der vielen ICEs Richtung Frankfurt oder Frankfurt Flughafen zurück nach Frankfurt gehen, sodass ich kurz vor 10 wieder in Frankfurt aussteigen kann.
Letztlich wollte ich so - mit Zubringer - 36 Stunden unterwegs sein und dabei einmal möglichst munter kreuz und quer durch Deutschland düsen, Meerluft schnuppern und gute Musik genießen. Aber die lange Vorrede lässt es schon erahnen: Pläne sind nur Schall und Rauch.
Der IC 2020 hatte einen etwas eigentümlich anmutenden Wagen dabei - er wirkte vom Design richtig aus der Zeit gefallen, wenn ich raten müsste, dann war das ein 1. Klasse Wagen der 70er/80er Jahre: Holzdesign, nur Abteile viel Abstand in den Abteilen zwischen den gegenüber liegenden Sitzreiehen, breite Sessel in den Abteilen. Kurz gesagt: großartig, um sich auf drei Sitzen lang auszustrecken und quasi im Liegewagen nach Hamburg zu fahren.

Aber das Ganze war zu schön um wahr zu sein: der IC 2020 kam nicht sonderlich weit. Genau genommen bis Mainz. Kurz vor Mainz gab es die Information, dass es an einem hinteren Wagen ein technisches Problem gibt, weshalb dieser in Mainz inspiziert werden muss und wir Mainz voraussichtlich mit 10-15min Verspätung verlassen werden. Nach etwa 20 Minuten in Mainz kam dann die Durchsage, dass es da ein technsiches Problem gibt, das nicht behoben werden kann und der Zug daher ab Mainz entfällt.
Und jetzt kommt der Teil, wo ich - aller Bahnliebe zum Trotz (würde man denn sonst so einen Wahnsinnstrip planen?!) - echt fuchsig werde: ein technisches Problem an einem(!) Wagen bei einem lokbespannten Zug mit Wagen: Liebe Bahn, dann koppelt den Wagen um Himmels Willen halt aus und lasst den Zug verkürzt weiterfahren. Oder organisiert aus dem nahen Frankfurt vom Abstellbahnhof einen neuen Zug. Oder verstärkt einen nachfolgenden Zug. Oder organisiert euren Fahrgästen sonst eine konstruktive Alternative. Was aber nicht geht: den Fahrgästen 30 Minuten lang alle 5 Minuten die Ohren abzukauen, dass man bitte im Zug bleiben soll, während sie sich eine Alternative überlegen. Wie es dann weiterging weiß ich nicht - ich habe selbst recherchiert und dann schließlich beschlossen, mit der S-Bahn zurück nach Frankfurt zu fahren, sodass ich dort in den nachfolgenden Zug um 02:13 in Richtung Hamburg einsteigen kann.
Das hatte nur einen Haken - daher oben der Vorschlag mit der Verstärkung: der Zug danach sollte eh schon voll sein und ich war nicht der einzige Mensch mit der Idee: kurz gesagt, der Zug mitten in der Nacht war gestopft voll. Ich bin die gesamte 2. Klasse abgelaufen, es gab keinen einzigen Sitzplatz mehr - stattdessen standen echt viele Leute. Das wollte ich mir über die Nacht nicht antun - zumal keine Besserung in Sicht war, der nächste Halt war erst in drei Stunden zu erwarten.
Letztlich hab ich beschlossen "mir jetzt auch egal", bin aus dem Zug ausgestiegen und in die letzte konstruktive "Langstrecke" der Nacht eingestiegen, ein ICE in Richtung Berlin über Halle. Dort hatte ich zunächst ein Abteil mit einem anderen Herrn, jeder hatte drei Sitze, wollte schlafen und war glücklich. Das Glück währte jedoch nicht lange, kurz danach stieg ein Pärchen zu, das unbedingt quatschen musste, wobei die Dame auch noch permanent am Meckern, Mosern und Rumzicken war.
Semi-ausgeschlafen (wobei das schon übertrieben und geschönt ist) bin ich dann morgens in Halle ausgestiegen - eine Stunde später als geplant, da auch dieser ICE unterwegs ein technisches Problem hatte, das aber offensichtlich gelöst werden konnte. So um meine Prise Hafenluft und mein Fischbrötchen betrogen bin ich dann durch Halle gewandert, bevor ich dann spontan mit meiner Flötenlehrerin und ihrem Mann frühstücken gegangen bin. Danach haben wir das Händelhaus besucht und uns die dortige Ausstellung über Händel und die alten Musikinstrumente angeschaut.

Danach haben wir uns noch die ein oder andere Darbietung des Wettbewerbs angeschaut und die allesamt tolle Vorstellungen ausgiebig analysiert. Denn auch wenn alle Teilnehmer ihr Instrument beherrschten und einen zumeist (für den Zuhörer) fehlerfreien Vortrag zeigten, waren doch auch die Unterschiede im Auftreten und der Art der Darbietung deutlich, insbesondere in ihrer Auswirkung auf den Gesamteindruck.
Nachmittags habe ich zuerst unsere Gruppen ganz gewaltig überrascht - dass ich kommen würde, hatte ich niemand erzählt. So haben wir dann unsere Gruppen begleitet und deren tolle und hervorragende Auftritte genossen. Abends war ich dann noch mit einer der beiden Gruppen Abendessen, bevor ich mich dann doch direkt in den letzten ICE nach Frankfurt gesetzt hab. Der Teil über Berlin und Köln wäre nach der anstrengenden Nacht davor dann glaub zuviel des Guten. Diesen Text schreibe ich daher in einer fast leeren Lounge eines ICE3 - die wohl entspannteste und gemütlichste Art mit der Bahn durch Deutschland zu reisen - das entschädigt dann doch zumindest etwas für die missglückte Anreise ;)

Letztlich werde ich statt 36 Stunden nur irgendetwas zwischen 26 und 27 Stunden unterwegs sein und dabei wohl nichtmal 1000 Bahnkilometer machen - allein die Hinreise nach Hamburg sollten ursprünglich schon 700 Kilometer sein und ich hatte schon von einer besonders beeindruckenden Kilometerzahl irgendwo so um die 3000 Kilometer geträumt... aber dafür habe ich mehr von Halle, mehr vom Bundeswettbewerb und das Händel-Haus gesehen - das war es definitiv auch wert, zumal das Hauptziel des Tages ja erreicht war: ich habe unsere Gruppen live beim Bundeswettbewerb erleben können.